Selbstbestimmt-Leben-Bewegung

Die Independent-living-Bewegung fand ihren Ursprung 1962 in den USA. Kernpunkt des „Aufstandes“ war, dass sich behinderte Menschen nicht mehr länger bevormunden und in Heime abschieben lassen wollten.

Inspiriert aus der Protestbewegung in den USA und Großbritannien, bildete sich in Deutschland Anfang der 1970er Jahre die „Krüppelbewegung“: Sie wies mit dem provokanten Wort „Krüppel“ auf die Stigmatisierung von Menschen mit Behinderung als Mitleidsobjekte hin. Es wurden provokante Aktionen durchgeführt, um auf Missstände Aufmerksam zu machen, wie z. B. das besetzen von Straßenbahnschienen oder die Verleihung der „Goldenen Krücke“ an die jeweils „größte Niete der Behindertenarbeit“. Ziel war es, die Gesellschaft zum Umdenken zu bringen und Behinderung statt aus medizinischer Sicht als gesellschaftliches Problem zu begreifen, also vom Fürsorgesystem hin zum sozialen Modell. Ab 1978 wurden „Krüppelgruppen“ gebildet. In diesen durften nur Menschen mit Behinderung aktiv sein.

1986 wurde das erste Zentrum für Selbsbestimmtes Leben in Bremen gegründet. Bis heute sind noch viele weitere entstanden. In den sogenannten ZSLs sind nur Menschen mit Behinderung in Führungs- bzw. Beratungsfunktionen tätig.

In diesen und anderen Beratungsstellen werden Menschen mit Behinderung befähigt, die Kontrolle über das eigene Leben, die auf der Wahl von akzeptablen Möglichkeiten basiert, zu erlangen.

Dafür gibt es die folgenden sechs Grundsätze der internationalen Selbstbestimmt Leben Bewegung:

  • Anti-Diskriminierung und Gleichstellungsgesetze für behinderte Menschen
  • Entmedizinisierung von Behinderung
  • Nicht-Aussonderung und größtmögliche Integration in das Leben der Gemeinde
  • Größtmögliche Kontrolle über die eigenen Organisationen
  • Größtmögliche Kontrolle über die Dienstleistungen für Behinderte
  • Peer Counseling und Peer Support als Schlüssel zur Ermächtigung Behinderter

In den 90er-Jahren gründeten sich weitere Vereine, die es heute noch gibt, z.B. „Bifos, das Bildungs- und Forschungsinstitut zum selbstbestimmten Leben Behinderter“ oder die „Interessenvertretung Selbstbestimmt Leben in Deutschland e.V.- ISL“.

2009 trat in Deutschland die UN-Behindertenrechtskonvention in Kraft. Diese verpflichtet Deutschland und andere Staaten, die die Konvention unterschrieben haben, alles ihnen Mögliche zu tun, damit Menschen mit Behinderungen im selben Umfang wie alle anderen an der Gemeinschaft teilhaben können. Der Weg zur Inklusion ist noch längst nicht abgeschlossen und die jüngste aktive Behindertenbewegung zeigt, dass die Menschen mit Behinderung noch nicht zufrieden sind.